Lieber Bruder,
ich möchte Dir zunächst sagen, dass ich Deine Wünsche und Gedanken ernst nehme, ja, das ich Sie sogar sehr gut verstehen kann. Bitte glaube mir das! Denn nichts anderes habe ich schließlich selbst einmal gedacht. Auch ich wollte damals, wie Du heute, herausspringen, heraus aus diesem langweiligen Leben mit unserem Vater. Ja, er ist ein gütiger Mann und doch wollte ich mehr...
Ich wollte alle Brücken hinter mir abreißen, wollte die Grenzen suchen, sie sodann überschreiten, ja, ich suchte das ganze Leben. Ich war gierig auf das Leben hinter diesem Horizont, gierig wie ein Tier auf Witterung. Ich kann Dir sagen, diese Welt da draußen - sie hat mich angezogen, mit all' ihren glitzernden, blinkenden und viel versprechenden Angeboten der grenzenlosen Freiheit – wo würde sie mich hinführen? - die Sehnsucht war unermesslich groß! Bitte glaube mir also, ich verstehe sehr gut, was gerade in Dir vorgeht.
Doch möchte ich Dir auch etwas anderes erzählen, möchte Dir auch sagen, was ich auf meiner Reise der grenzenlosen Suche entdeckt und erlebt habe: ich habe diese Welt gekostet, ich bin in all' den Jahren fern von unserem Vaterhaus meinen Wünschen und Sinnen gefolgt. Ich habe nächtelang gefeiert, habe unglaublich viele, schöne Frauen kennen gelernt, oh ja und der Alkohol und die Drogen in dieser Welt, sie waren mir ein ständiger Begleiter - sie lassen Dich mutiger werden, schenken Dir Selbstbewusstsein und eine tolle Hemmungslosigkeit.
Ich habe mich nicht mehr darum geschert, was andere sagen würden, geschweige denn, was Vater von mir denkt! Ich wollte mein Leben nun einmal genießen! Ich habe viel gearbeitet und mir große Autos gekauft, teure Anzüge getragen und die Menschen, sie haben mich bewundert für mein selbstbewusstes Auftreten. Die Frauen wurden immer mehr. Es war nicht ganz leicht, jeder das Gefühl zu geben, sie sei die einzige.
Das Lügen machte jedoch plötzlich Spaß, es war wie ein Spiel, in dem ich selbst der Spielleiter war. Es gab auch schon mal Tränen, einige fühlten sich ausgenutzt und betrogen. Was soll's. Es gibt so viele von ihnen. Ich lebe nur einmal, so dachte ich bei mir. Somit nehme ich mir doch auch nur, was mir zusteht in diesem kurzen Leben.
Doch irgendetwas stimmte nicht in dieser Welt. Egal was ich tat, ich spürte in ruhigen, ehrlichen Momenten oft einen seltsamen Stich, eine große Traurigkeit, die nichts von diesen Dingen der Welt besiegen konnte.
Diese wilde und scheinbar so freie Leben hinterließ in mir eine seltsame Leere. So begann ich nachzudenken.
Ich entdeckte plötzlich, das viele der Menschen genau so leben wie ich! In ihnen spiegelte sich das Leben wieder, welches ich gewählt hatte. Sie logen und betrogen sich und mich, sie setzten sich Masken auf, spielten Rollen und versuchten ebenfalls ihr eigenes Glück unter allen Umständen zu erreichen. Koste es, was es wolle.
Diese Erkenntnis, lieber Bruder, hat mich geschockt! Wo ist denn der wahre Weg, die Orientierung in diesem Labyrinth der Eigeninteressen, der Lügen und Süchte, wer gibt mir nur Halt, wenn ich abstürze und einmal nicht mehr so stark bin? Ich habe diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, lieber Bruder, da ist es schon geschehen. Meine Lügen wurden entdeckt, meine Frauen haben mich verlassen, meine Geld hatte ich verspekuliert und ich war plötzlich bettelarm. Obdachlos. Keiner meiner Wegbegleiter blieb nun stehen, niemand fragte mich, wie er mir helfen könne -nein- sie lebten einfach weiter in diesem Labyrinth der Zufälligkeiten und suchten weiter nach ihrem Glück. Plötzlich schauten sie auf mich herab.
Ich war völlig verzweifelt und da fiel er mir ein: VATER, unser Vater, der mir alle Freiheit schenkte und die ich nun so falsch verstanden hatte. Ich habe etwas entdeckt, lieber Bruder - die wahre Freiheit für uns heißt: mit dem Vater zu leben. Unser Vater ist Anfang und Ziel unseres Lebens. Der Vater ist die Wahrheit. Das Sein mit dem Vater, das bedeutet: das Sein mit der Wahrheit. Das ist der Himmel. Unsere Heimat ist der Himmel. Vater ist der Grund, warum wir überhaupt leben! Wir sind seine Kinder und so viele Menschen, die ich getroffen habe, suchen nach genau diesem unseren Vater. Es gibt viele, die ihn aufrichtig suchen. Es gibt aber auch viele, die gar nicht wissen, das sie ihn suchen müssen. Ich konnte nicht mehr: ich rannte los, rannte so schnell ich konnte, wollte zurück in seine Arme und zurück zu meiner Wahrheit.
Du hast es erlebt, lieber Bruder: wie hätte ich es auch nur erwarten dürfen, nach all dem was ich getan habe, dass der Vater mich noch einmal aufnimmt. Und was geschah: er rannte mir sogar entgegen, ließ dieses Fest für mich feiern. Was haben wir nur für einen liebevollen Vater?
Darum lieber Bruder, bitte glaube mir: ein Leben ohne Vater, ohne Wahrheit und Licht, ein Leben ohne Orientierung, eine Leben ohne Aussicht auf das Sein mit dem Vater, ist kein wahres und freies Leben.
Wenn Du gehen wirst, so möchte ich Dir nur sagen - halte die Verbindung zum Vater, bleibe stets im Kontakt mit ihm, schau auf ihn, wenn Du unsicher bist, was Du tun oder in welche Richtung Du gehen sollst -suche auch die Nähe unserer Geschwister, die ebenfalls mit unserem Vater verbunden sind - denn er ist ihr und unser aller tragendes und verlässliches Fundament.
Amen.
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