Menschenwürde - dieses Wort trägt zweieinhalbtausend Jahre Philosophiegeschichte in sich. Ist die Würde des Menschen (un) antastbar?! Diese Frage stellt sich heute besonders im Zusammenhang mit PID und aktiver Sterbehilfe.
Wie gehen wir mit behinderten und alten Menschen in unserer Gesellschaft um? Wie können wir sie mehr am Leben teilhaben lassen?
Die Frage, was eigentlich Inhalt und Sinn christlichen Glaubens sei, ist heute von einem Nebel der Ungewissheit umgeben wie kaum irgendwann zuvor in der Geschichte. Wer die theologische Bewegung des letzten Jahrzehnts beobachtet hat und nicht zu jenen Gedankenlosen gehört, die das Neue unbesehen jederzeit auch schon für das Bessere halten, könnte sich wohl dabei an die alte Geschichte vom ‚Hans im Glück’ erinnert fühlen: Den Goldklumpen, der ihm mühsam und schwer war, vertauschte er der Reihe nach, um es bequemer zu haben, für ein Pferd, für eine Kuh, für eine Gans, für einen Schleifstein, den er endlich ins Wasser warf, ohne noch viel zu verlieren – im Gegenteil: Was er nun eintauschte, war die köstliche Gabe völliger Freiheit, wie er meinte. Wie lang seine Trunkenheit währte, wie finster der Augenblick des Erwachens aus der Geschichte seiner vermeinten Befreiung war, das auszudenken überlässt jene Geschichte, wie man weiß, der Fantasie des Lesers.
Dem besorgten Christen von heute aber drängen sich nicht selten Fragen wie diese auf: Hat unser Theologie in den letzten Jahren sich nicht vielfach auf denselben Weg begeben? Hat sie nicht den Anspruch des Glaubens, den man allzu drückend empfand, stufenweise herunterinterpretiert, immer nur so wenig, das nichts Wichtiges verloren schien, und doch immer so viel, das man bald darauf den nächsten Schritt wagen konnte? Und wird der arme Hans, der Christ, der vertrauensvoll ich von Tausch zu Tausch, von Interpretation zu Interpretation führen ließ, nicht wirklich bald statt des Goldes, mit dem er begann, nur noch einen Schleifstein in den Händen halten, den wegzuwerfen man ihm getrost zuraten darf?
Gewiss solche Fragen sind ungerecht, wenn sie allzu global gestellt werden. Denn man kann nun mal nicht behaupten ‚die moderne Theologie’ überhaupt sei einen solchen Weg gegangen. Eben sowenig wird man aber leugnen können, dass eine weit verbreitete Stimmung einen Trend unterstützt, der in der Tat vom Gold zum Schleifstein führt. Ihm kann man freilich nicht entgegenwirken durch ein bloßes Beharren auf dem Edelmetall fester Formeln der Vergangenheit, das dann doch auch nur ein Metallklumpen bleibt: eine Last, statt kraft seines Wertes die Möglichkeit wahrer Freiheit zu gewähren. Wir müssen neu bedenken und helfen, den Glauben als Ermöglichung wahren Menschseins in unsere heutige Welt neu zu verstehen, ihn auslegen, ohne ihn umzumünzen in ein Gerede, das nur mühsam eine völlige geistige Leere verdeckt.
„Der Theologe darf nicht vergessen, dass er auch jener ist, der mit Gott spricht. Es ist somit unverzichtbar, die Theologie eng mit dem persönlichen und gemeinschaftlichen und dabei besonders mit dem liturgischen Gebet verbunden zu halten. Die Theologie ist ‚scientia fidei’, und das Gebet nährt den Glauben. In der Einheit mit Gott verkostet man in gewisser Weise das Geheimnis, es kommt nahe, und diese Nähe ist Licht für die Intelligenz“
Papst Benedikt XVI. - Ein faszinierender Theologe, Kirchenlehrer und Glaubenszeuge kommt im September 2011 in das Bistum Erfurt
Ab sofort an je einem Dienstag im Monat Lese- & Gesprächskreis im Marcel Callo Haus
Der deutsche Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI. gilt als ein großer Intellektueller auf dem Stuhle Petri. Doch Benedikt XVI. ist mehr als nur ein Intellektueller, vor allem ist er ein authentischer Glaubenszeuge in der Nachfolge Jesu Christi. Das Wesentliche seines Denkens und seines Glaubenszeugnisses finden wir in den vielfältigen Themen und Fragen, welche er in den letzen Jahrzehnten in seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen, Enzykliken und Predigten behandelt hat.
Wie lässt sich die Botschaft des Christentums in rechter Weise aufnehmen, bewahren und vermitteln? Wer hilft uns menschlicher leben? Wie kann man heute Christ sein? Was bedeutet das überhaupt -Christ sein? Wie kann der Mensch wirklich frei werden und in der Wahrheit und wahren Freude leben? Worin liegt der Kern christlichen Glaubens? Das sind die Fragen, die Joseph Ratzinger, der heutige Papst Zeit seines Lebens bedenkt und wach hält.
Herzlich laden wir alle Interessierten an den folgenden Terminen
01.03.2011; 12.04.2011; 03.05.2011; 07.06.2011 und 05.07.2011
jeweils um 19.30h
in das Marcel Callo Haus ein, in Vorbereitung auf den Papstbesuch im September 2011 Papsttexte untereinander zu lesen und zu diskutieren.
Heiligenstadt. „Ich werde Sie mit vielen Fragen nach Hause schicken.“ Professor Dr. Eberhard Tiefensee, Lehrstuhl für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, verblüffte zwar zu Beginn seines Vortrages am Donnerstag im Marcel-Callo-Haus mit dieser Ankündigung, doch gab er zugleich Denkanstöße mit auf den Weg. Dass er sehr viele des Nachdenkens werte Impulse gegeben hatte, bewies nicht zuletzt die umfangreiche Diskussion.
Sein Vortrag „Der Mensch – Maß aller Dinge?“, versehen mit einem provozierenden Fragezeichen, eröffnete die Angebotsreihe 2011 im sehr gut besuchten Eichsfeldforum. Atheistisches werde vermutet, so der Gast, angesichts der These des griechischen Sophisten (Gelehrter vor Sokrates) Protagoras (5. Jh. v. Chr.) und seitdem würden die Philosophen über diesen als „Homo-mensura-Satz“ bekannten Ausspruch streiten. Der steht im Original ohne Fragezeichen und lautet vollständig „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, wie sie sind, der nichtseienden, wie sie nicht sind.“
Seinen Vortrag charakterisierte Professor Tiefensee treffend als einen Versuch, eine Schneise in einen Dschungel zu schlagen, aus einem Wald herauszukommen auf eine Lichtung. Die Herrlichkeit des Menschen gäbe es ebenso wie es Auschwitz gegeben habe, wo Juden nicht wie Menschen, sondern wie Ungeziefer behandelt wurden. Um Menschenwürde ging es an diesem bemerkenswerten Abend, um Menschenrechte,um die Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen,verfasst noch unter dem Eindruck des zu Ende gegangenen 2. Weltkrieges.
Jeder einzelne Fakt der Darlegungen barg allein schon so viel Potential, um ihm ein eigenes Thema zu widmen: Geht es bei diesem Zitat um den Einzelnen, um eine Gruppe oder die gesamte Menschheit? Ist die Realität tatsächlich so, dass der Mensch Maß aller Dinge ist bzw. sei oder soll sie so sein? Befassen wir uns mit der Frage vorrangig auf einer medizinischen, pädagogischen, politischen oder religiösen Ebene? Gelten Begriffe wie Würde und Rechte auch für Tiere, ja für die gesamte Schöpfung? Sind Embryonen schon und sind Tote noch Menschen, deren Würde zu wahren ist, bei Verstorbenen z. B. im Zusammenhang mit einer Organentnahme? Sind befruchtete Eizellen in der Petrischale menschliches Leben? Und schließlich die entsetzte Frage, die so oft gestellt wird angesichts von Sexualstraftätern oder Massenmördern: „Sind das noch Menschen?“
Bereits im Jahre 1929 habe Bertolt Brecht in seinem „Badener Lehrstück“ formuliert, es wisse seit langer Zeit niemand mehr, was ein Mensch ist. Als Moderator unterstrich Dario Pizzano abschließend noch einmal, was der Referent zum Ausdruck gebracht hatte: Die philosophischen Fragen seien heute viel größer als sie früher waren. Während seines äußerst anspruchsvollen, aber ebenso anschaulichen Vortrages hatte Professor Dr. Tiefensee mehrmals den deutschen Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant (1724-1804) zitiert. Am Ende stand dessen Maxime: „Handle so, daß du die Menschen, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“
Professor aus Deutschland und Bischof aus Honduras zu Gast im Eichsfeldforum
Heiligenstadt. Eine Doppelveranstaltung sollte das Eichfeldforum im Dezember beschließen. Als Verantwortlicher hatte Dario Pizzano für den 2. Dezember zum Vortrag „Hat die Kirche noch Zukunft“ ins Marcel-Callo-Haus eingeladen, mit dem Ziel, dass Prof. Dr. Dr. Hermann Steinkamp aus Münster u. a. die Fragen erörterte, ob die Volkskirche am Ende ist, wie sich die Kirche im 21. Jahrhundert entwickelt, wie Seelsorge und Diakonie der Zukunft aussehen, gefolgt von der Podiumsdiskussion „Kirche der Zukunft“ eine Woche später.
Bereits der Vortragsabend kann als Doppelveranstaltung bezeichnet werden, war doch Bischof Guy Plante ebenfalls anwesend, Kanadier mit honduranischer Staatsbürgerschaft, Gast im Bistum Erfurt. Mit Adveniat-Referent Christoph Huber als Dolmetscher an seiner Seite ( die Bischöfliche Aktion Adveniat ist bekanntlich das Lateinamerika-Hilfswerk der Katholiken in Deutschland) berichtete er aus seiner Diözese. Das arme Land, wo er seit 1970 lebt, „ist auch arm an Priestern.“
Doch staunten manche Zuhörer über die Entwicklung seit März 1966. Zwei Bauern hatten beim Bischof von Choluteca um einen Priester für die Ostermesse gebeten. Jener lud in Ermangelung eines Priesters 17 Bauern zu einem Lehrgang für von Laien geleitete Gottesdienste ein. Der Erfolg war so überwältigend, dass Bischof Plante jetzt von einer Erneuerung der Kirche in Honduras sprechen kann, denn: „Heute sorgen 17 000 Laien, Männer und Frauen, als Delegierte des Wortes für ein lebendiges Gemeindeleben“ Zu vergleichen sei dies mit kleinen Modellen der Urgemeinde aus der Apostelgeschichte. In seiner Diözese gibt es für 600 000 Katholiken 26 Priester. Dieser Reifungsprozess sei nicht von heute auf morgen vonstatten gegangen als ein Weg mit der Gemeinde, der freilich nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen werden könne.
Drei Jahrzehnte lang hat Prof. Dr. Dr. Steinkamp, Pastoralsoziologe und Religionspädagoge, an der Universität Münster gelehrt. Provokantes stand am Anfang, lautete doch seine Prognose: Kirchenaustritte, Verlust der gesellschaftlichen Relevanz, Traditionsabbruch seien Anlass zu besorgter Reaktion. Eine Diaspora-Situation, „noch drastischer als in der DDR“, komme auf die Kirche zu; neue Seelsorgeeinheiten, sprich größere Pfarreien, seien ein letzter Versuch, auf den Priestermangel zu reagieren.
Das Wort des Propheten Jeremia „Suchet der Stadt Bestes“, gerichtet im Jahre 593 v. Chr. an seine Landsleute im Exil, stehe heute nicht für eine Großstadt, sondern dafür, Dienst zu tun in einer gottlosen Gesellschaft, in der der Götze Kapital herrscht, begleitet von aggressiver Werbung „für alles und jedes“. Wohl erwarte die Mehrheit der nicht christlichen Bevölkerung Caritas und Diakonie, aber häufig als Kunde König.
Angesichts wachsender Gewaltbereitschaft gegen Migranten und Randgruppen, Gleichgültigkeit gegenüber Armen, Arbeits- oder Obdachlosen seien Christen aufgefordert, sich nicht in Pfarrhäusern und Pfarrzentren zu verkriechen. Nicht am Schreibtisch Strukturreformen planen, so der emeritierte Professor, sondern sich besinnen, zurück bis zur Osterbotschaft, bis zu den Emmaus-Jüngern. Die Worte „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete...“ seien in der Gegenwart kein religiöser Kick, sondern kostbares Saatgut.
In der teilweise heftigen Diskussion forderte ein katholischer Christ, die Titelfrage klar mit Ja oder Nein zu beantworten. Doch ist dieses Thema viel zu kompliziert ist, um ein einziges Wort als Antwort zu bemühen.
Autor und Historiker Michael Hesemann zu Gast im Eichsfeldforum
Heiligenstadt.
Die Evangelisten wussten ganz genau, worüber sie geschrieben haben; Matthäus und später Lukas hinterließen keine frommen Legenden, sondern Berichte, die heute den Untersuchungen von Historikern, Archäologen und Astronomen standhalten. Fazit eines spannenden Bildungsabends im Marcel-Callo-Haus, dessen Inhalte nur ansatzweise wiedergegeben werden können.
Zu Autorenlesung und Gespräch war Michael Hesemann aus Düsseldorf angereist. Der international tätige Autor, Historiker, Dokumentarfilmer und Fachjournalist für populärwissenschaftliche und kirchengeschichtliche Themen nahm im Eichsfeldforum die zahlreichen Interessenten mit auf eine spannende Reise in die Vergangenheit, um u. a. den historischen Hintergrund des Weihnachtsfestes, der Geburt und der Kindheit Jesu zu erläutern.
Im Mittelpunkt stand sein bisher letztes – das nächste ist in Arbeit – seiner über 30 Bücher, die in 14 Sprachen übersetzt wurden: „Jesus von Nazareth – Archäologen auf den Spuren des Erlösers“. Michael Hesemann kennt aus eigener Anschauung alle Orte, über die er schreibt, hält Kontakt zu Geschichtswissenschaftlern, besucht Archäologen an ihren Ausgrabungsstätten, war bekannt mit dem international angesehenen israelischen Archäologen Ehud Netzer. Der Ende Oktober 2010 verstorbene Wissenschaftler, der drei Jahrzehnte lang in Jerusalem nach dem Grab des Herodes gesucht hatte, hatte mit dem sensationellen Fund in der Palastanlage auf dem Hügel im Jahre 2007 in Fachkreisen weltweit von sich reden gemacht. Im Heiligen Land, dessen Besuch Michael Hesemann unbedingt empfahl, könne man heute auf wissenschaftlicher Grundlage die in den Evangelien genannten Stellen „verorten“.
Es beabsichtige nicht, den Zuhörern Weihnachten kaputt zu machen, noch dazu jetzt, vier Wochen zuvor. Wie ist das aber mit der Geschichte, wonach Maria ihr Kind, den Sohn Gottes, in einem Stall zur Welt brachte? „Unsere mitteleuropäischen Vorstellungen von einem Stall sind andere“, erläuterte der Autor: Im Heiligen Land wurde Bauholz teuer aus dem Libanon importiert. Die Menschen bauten deshalb keine Ställe im herkömmlichen Sinne, sondern schlugen sogenannte Stallhöhlen in die Kalksteinfelsen und bauten ihre Wohnhäuser davor. Die Stallhöhlen boten zudem klimatische Vorteile, waren im Winter warm und im Sommer angenehm kühl. Zur Steuerschätzung ist historisch belegt: Entrichtet werden mussten eine Kopf -und eine Bodensteuer. Wer Grund und Boden besaß, hatte seine Steuererklärung am Ort des Grundbesitzes abzugeben.
Nach dem Lukas-Evangelium befanden sich zur Geburt Jesu die Hirten mit ihren Schafherden auf dem Feld. Nach dem Talmud, dem bedeutendsten Schrifttum des Judentums, wurden die Schafe im März auf die Weide gebracht und im November in ihre Ställe. Feiern wir also Weihnachten, das schönste aller Feste im Jahreslauf, drei Monate zu früh? Hierzu Michael Hesemann: „Historische Forschung muss vorurteilsfrei geschehen.“ Dennoch gab er den Zuhörern mit auf den Weg: Das Weihnachtsfest im Dezember, wenn das Licht über die Dunkelheit siegt, ist so wunderbar als Zeitpunkt der Geburt Christi.
Und wer will schon am Heiligen Abend darüber nachdenken, ob dieser Tag mit dem historischen Termin identisch ist.
Information und rege Diskussion zum Thema „Palliativmedizin und Hospiz“
Heiligenstadt. Umfrageergebnisse belegen: 90 Prozent aller Menschen möchten zu Hause sterben. Nach Schätzungen sterben jedoch in Deutschland etwa 50 Prozent der Menschen im Krankenhaus und 20 Prozent im Pflegeheim. Diese Fakten hatte Dario Pizzano als Moderater des Eichsfeldforums am Donnerstag, 21. Oktober 2010, als Einstieg gewählt in ein Thema, das noch immer als ein „Stiefkind“ der Medizin gilt: Palliativmedizin und die Tätigkeit von Hospizen. Die Podiumsdiskussion trug den Titel „Palliativmedizin und Hospiz – Sterben in Würde?“
In der Vergangenheit sei das Sterben schwerer gewesen, gab es doch keine der heutigen Schmerzmittel. Jedoch wäre es zu einfach und obendrein zynisch, deshalb die These aufzustellen, die Menschen seien es nicht mehr gewohnt, die Härte des Todes auszuhalten, die Gesellschaft sei verweichlicht und der Tod „verwildert“, da anonyme technische Geräte das Gebet am Sterbebett ablösen würden. Prof. Dr. Josef Römelt, Wissenschaftler am Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt und zugleich als Pater zum Redemptoristenorden in Heiligenstadt gehörend, bildete mit diesen Worten als erster Gast eine Grundlage für eine rege Diskussion. Er verwies auf die folgende Wandlung in der Gesellschaft: „Am besten plötzlich, möglichst rasch zu sterben“, sei heute der Wunsch der Menschen, nicht zuletzt deshalb, „um anderen nicht zur Last zu fallen“. In vergangenen Jahrhunderten jedoch sei der plötzliche Tod als eine Strafe Gottes angesehen worden, konnte sich doch der Mensch nicht darauf vorbereiten.
Über die Tätigkeit des Caritativen Pflegedienstes Eichsfeld (CPE) und über SAPV, die „Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung im Landkreis Eichsfeld und im Unstrut-Hainich-Kreis“ informierte CPE-Verwaltungsleiter Matthias Monecke. Seit dem 1. April 2010 ist das SAPV-Team als erster Anbieter dieser Art in Thüringen tätig, mit zwei angestellten Ärzten, 18 Kooperationsärzten sowie zwölf speziell ausgebildeten Krankenschwestern für die häusliche Betreuung Schwerstkranker. „Ein Netzwerk, nicht in Konkurrenz zu anderen Pflegediensten, sondern als ein ergänzendes Angebot für Patienten, häufig Tumorpatienten und deren Angehörige“, meinen nicht nur Matthias Monecke, sondern auch Dr. med. Uwe Schotte, Chefarzt der Chirurgie und Ärztlicher Direktor des Eichsfeld-Klinikums. Häufig erleben der Arzt und ebenso Harald Sterner, Caritas Heiligenstadt, als weiterer Diskussionspartner, dass nicht nur der Patient selbst, sondern auch die zu Hause pflegenden Angehörigen der tatkräftigen Hilfe und einfühlsamen Zuwendung bedürfen.
Ein Hinweis erging auf den Tag der offenen Tür im neuen Caritas-Hospiz „St. Elisabeth“ Eisenach am 13. November. Diskutiert und Fragen gestellt wurden zur „Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht“.
Zum „Sterben in Würde“ und bezogen auf die Sorge, nur ja nicht im Krankenhaus sterben zu müssen, wandte sich Dr. Uwe Schotte an die im Saal des Marcel-Callo-Hauses Versammelten, sie mögen „das Krankenhaus nicht verteufeln“. Denn auch hier sei ein würdevolles Sterben eines Patienten, dem medizinisch nicht mehr geholfen werden könne, gewährleistet, in Gegenwart seiner Angehörigen.
Heiligenstadt. Eine junge Frau ist fest davon überzeugt: „Wenn an einem Ort Millionen Menschen beten, öffnet sich der Himmel.“ Marie-Sophie Lobkowicz, Bestseller-Autorin aus München, 30 Jahre alt, war Neunzehn, als sie zum ersten Mal als „Frischling“ – so heißen die Neuen in der Betreuergruppe – im Kinderzug der Malteser von Ulm nach Lourdes fuhr.
40 Heimkinder ohne Familienanschluss, mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen reisen alljährlich über Pfingsten mit dem Zug für insgesamt eine Woche in den südfranzösischen Wallfahrtsort. Der vor 25 Jahren erstmals auf die Reise geschickte Kinderzug der Malteser rollt dank der Spendenbereitschaft vieler Menschen. Begleitet werden die Mädchen und Jungen von 60 bis 70 Betreuern im Alter von 18 bis 35 Jahren, an ihrer Seite Ärzte und Priester. Die jungen Leute unternehmen diese besondere Reise in der Freizeit und auf eigene Kosten. Sie sind katholisch, evangelisch oder nicht konfessionell gebunden. Viele hatten zuvor weder beruflich noch privat Kontakte zu Kindern mit Behinderungen, die, soweit sie in der Lage sind, sich selbst auszudrücken, gar nicht als krank bezeichnet werden wollen.
Schon mehrmals war Marie-Sophie von Ulm und Lourdes unterwegs, inzwischen als Leiterin des Zuges – eine große, verantwortungsvolle Aufgabe, die sie sich zunächst gar nicht zugetraut hatte. Von Herzen froh ist sie darüber, nicht selbst darüber entscheiden zu müssen, welche Kinder diesmal mitfahren, denn: „Am liebsten würde ich alle mitnehmen.“
"Es fühlt sich an wie Gott"Präsenz Verlag
„Es fühlt sich an wie Gott“ heißt ihr Buch, in dem sie eine Lourdes-Woche einschließlich Zugfahrt schildert. Diese Feststellung trifft ein kleiner Junge, ein richtiger Wirbelwind, als er im Wasser der heiligen Quelle badet. „Wir alle springen im übertragenen Sinne selbst ins kalte Wasser, wenn wir uns mit den Kindern auf den Weg machen“, unterstrich die Schriftstellerin am Donnerstag im Marcel-Callo-Haus während ihrer Lesung, der sich ein sehr angeregter Dialog anschloss.
Die Zuhörer hatten jede Menge Fragen, bedankten sich dafür, dass ein solches Thema literarisch aufgegriffen wurde und berichteten sogar von eigenen Lourdes-Erfahrungen. In die Zukunft blickend bemerkte Dario Pizzano als Verantwortlicher für das Eichsfeldforum, es wäre doch wunderbar, könnte einmal eine junge Frau oder ein junger Mann aus dem Eichsfeld von eigenen Kinderzug-Erfahrungen berichten. Marie-Sophies Bericht vermittelte eine Vorstellung von der 24-Stunden-Zugfahrt – nicht etwa in Luxuswaggons, sondern unter primitiven Bedingungen. Es dauert so lange, weil der Zug unterwegs abgekoppelt wird und nach einer Wartezeit weiter fährt. Allein die Vorstellung der realen Situation ging schon beim Zuhörern unter die Haut. Kinder, die nicht laufen können, neben hyperaktiven Kinder, viel zu kleine Wickeltische, enge Toiletten und winzige Waschbecken, mittendrin Tatjana mit ihrem Schützling Kira, dem blinden, fast gehörlosen Mädchen, dessen Hände sich spastisch zu Fäusten verkrampfen und das nur auf Berührungen reagiert.
Am Schluss verstanden die Zuhörer das nahezu Unbegreifliche, als die Autorin betonte: „Dabei sein zu können ist für die Betreuer kein Opfer, es ist ein Geschenk.“
Eichsfeldforum zur Kinder- und Jugendarmut in Deutschland
Heiligenstadt. (tlz/cb) Er müsse aufpassen, dass er die vorgesehene Zeit einhalte, denn es gäbe noch viel mehr zu sagen, als während einer solchen Abendveranstaltung möglich sei, betonte Dipl.-Sozialpädagoge Clemens Bech, Caritasverband Leipzig e.V., und befand sich damit in Übereinstimmung mit den anderen Podiumsgästen.
Zum ersten Eichsfeldforum nach der Sommerpause, moderiert von Dario Pizzano, Referent im Bildungswerk, war am Donnerstag in die Villa Lampe eingeladen worden. Dipl.-Pädagoge Thomas Holzborn, Villa-Leiter und Gastgeber sowie Dipl.-Psychologin Heidrun Horstmeier, Sozialdienst katholischer Frauen, tätig in der Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung in Worbis, Leinefelde und Heiligenstadt, so in den Leinefelder Einrichtungen „Seelenvogel“ e.V. und „Regenbogenhaus“, hatten sich ebenfalls des Themas angenommen, zu dem sich eine lebhafte Diskussion entwickelte: „Kinder- und Jugendarmut in Deutschland? Mehr als nur Hartz IV“!
Armut in Europa wird häufig im Zusammenhang mit osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder der Ukraine erwähnt, doch wächst in der hochentwickelten Industrienation Deutschland ständig die Zahl der von Armut Betroffenen. Nicht nur in Großstädten, nein, auch im Eichsfeld. Obwohl sich – so Clemens Bech – Fachleute über konkrete Armutsdefinitionen, Zahlen und Fakten streiten würden, berufe er sich auf die folgenden aktuellen Angaben, bezogen auf das Einkommen: Jeder siebente Einwohner in Deutschland, das sind 11,5 Millionen Bürger, ist arm, jeder fünfte Jugendliche in der gesamten BRD und jeder dritte Jugendliche im Osten. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.
Und da trifft es bei Weitem nicht nur die Bezieher von Hartz IV, sondern auch die 9,9 Prozent der in Deutschland arbeitenden Armen, die von ihrem durch Arbeit erzielten Einkommen nicht leben, ihre Familie nicht ernähren können. Damit einher gehen häufig emotionale, soziale und kulturelle Armut, die eingeschränkten Möglichkeiten an „gesellschaftlicher Teilhabe“. Disco, Schwimmbad, Sportverein, Kino, Theater, Klassenfahrten und Ferienfreizeiten, gesunde Ernährung wurden als Stichworte genannt, ebenso die Tatsache, dass in den Schulen oft vorausgesetzt wird, in jedem Haushalt befinde sich zum Wissenserwerb ein Computer mit Internetanschluss.
Sehr deutlich wurde aber von Heidrun Horstmeier und Thomas Holzborn hervorgehoben: Überforderte Eltern, die selbst hochgradig problembelastet sind, deshalb ihr eigenes Kind aus dem Blick verlieren, sich ihm nicht mit Liebe und Anerkennung zuwenden, können das auch nicht materiell ausgleichen mit dem eigenen Fernseher fürs Kind, mit dem Kauf von Playstation und Handy. Wenn sich Kinder als Verlierer fühlen, die einfach nichts hinkriegen, geraten sie in eine Außenseiterrolle und das oft ein Leben lang. Wissenschaftler haben Fachbegriffe für das, was in der Diskussion eine allein erziehende mehrfache Mutter betonte: „Ein Waldspaziergang mit meinen Kindern kostet nichts.“ Über Prävention wurde gesprochen, über Möglichkeiten, Armut zu verhindern oder zu mildern.
Clemens Bech ist mit Blick auf die gesamte Gesellschaft und die Verantwortung des Staates sicher: „Wer hier spart, wird früher oder später draufzahlen!“
Heute bin ich Gott begegnet“ Dario Pizzano schreibt ein Buch über seine „Wahnsinns-“ Bekehrung
Viele Menschen bekommen den Glauben mit in die Wiege gelegt. Solche Menschen haben das Glück, gewissermaßen in den „Glaubens-Zaubertrank“ gefallen zu sein. Bei anderen schlägt Gott buchstäblich aus heiterem Himmel ein. Wie das geht, beschreibt Dario Pizzano in seinem Buch „Exzess - Meine zwei Leben“. Nervlich und psychisch am Ende spricht er auf einer Autofahrt im Jahr 2005 den Satz vor sich hin: „Mein Gott, ich kann einfach nicht mehr“. Was dann passiert, beschreibt der damals 31jährige so: „Da geschieht es. Ich fühle, das JEMAND diesen Satz hört. Ich pralle zurück. Bin wie geschlagen. Körper, Seele, Geist – alles zugleich wird berührt. Ich zittere. Was ist das? Hilfe! Werde ich verrückt? Nein. Es ist keine Einbildung. Es ist wahr. Liebe, unfassbare Liebe durchdringt mich.“
Von da an ist nichts, wie es war im Leben des Dario Pizzano. Völlig überwältigt vertraut sich der Deutsch-Italiener den ersten Menschen an, die er trifft. „Heute bin ich Gott begegnet“ bringt er hervor. Bis zu diesem Tag hatte Dario Pizzano mit Gott oder Kirche nicht viel zu tun. Als Eventmanager und Geschäftsführer mehrerer Clubs war sein bisheriges Leben alles andere als lichtdurchflutet. Auf eine schwierige Kindheit bei getrennten Eltern, die kaum Zeit für ihn hatten, folgte ein Leben, in dem er stets seine eigene Angst betäubte – mit Exzessen. Mit Drogen, Alkohol, Frauengeschichten und allem, was dazu gehört. Schonungslos offen beschreibt Pizzano diese Zeit. In einigen Phasen habe er „quasi permanent die Alkoholflasche an der Kehle“ gehabt und oft - statt echte Freundschaften zu schließen - Ecstasy, LSD und Opium „näher kennen gelernt“. Glücklich ist er bei all dem nicht geworden. Immer wieder erlebt er Abstürze. Einmal durchfährt es den Autor mitten auf einer „abartigen“ Party wie ein Blitz: „Ich bin (…) zum Kotzen“.
Dario Pizzano schreibt, wie er spricht. Mit kräftiger und authentischer Sprache beschreibt er die Abstürze und Glücksmomente seines Lebens – und wendet sich direkt an seine damaligen Weggefährten: „Ich bin einfach Christ geworden. (Christ, wohlgemerkt, nicht Heiliger. Bis dahin ist es noch eine lange Strecke.) Hmm. Ihr wisst selbst, wie ich früher drauf war, wie gerne ich über das lästerte, was auch nur nach Religion roch. Ihr habt ein Recht zu fragen: Und nun steht er gleich auf den Papst? Wäre das nicht auch mit Tantra gegangen? Oder mit tibetanischem Buddhismus? Warum gleich sowas Abgefahrenes? Habe ich mich auch gefragt. Aber vielleicht interessiert Euch die Geschichte ja.“
Diese Geschichte ist wirklich interessant. Sie führt aus dem tiefsten Sumpf in die Liebe Gottes. Vom „Beziehungskurzarbeiter“ vor den Traualtar. Von der Piste zum Papst. Von bunten Pillen in ein buntes Leben. Und die Art, in der Dario Pizzano sie schreibt, ist mitreißend. Er trägt sein Herz auf der Zunge und verbirgt nichts – keinen Absturz aber auch keinen Deut von der Freude und der Liebe, die ihm sein neues Leben mit Gott schenkt.
Genau diese schonungslose Ehrlichkeit macht den besonderen Reiz von „Exzess“ aus. Das Buch ist ungehobelt, rauh und auf jeder Seite echt. Glatte Geschichten findet man woanders. Eine, die von den Socken reißt, jedoch in diesem Buch.
Der Weg des Dario Pizzano geht weiter. Heute arbeitet er beim Bistum Erfurt und ist dort für Erwachsenenbildung zuständig. Gleichzeitig versucht er, auch denen von Gott zu erzählen, die noch weit von ihm entfernt sind – durch sein Buch und in seinem Internet-Blog unter http://dariopizzano.blogspot.com/.
Sebastian Grundberger
Dienstag, 27. Juli 2010
Der Papst ist heute nach Jesus mein größter Lehrer
Kath.Net-Interview mit Dario Pizzano über seine unglaubliche Bekehrungsgeschichte und sein Buch EXZESS und warum eine Entscheidung für ein Leben mit Jesus eben nicht nur eitel Sonnenschein ist - Von Linda Noé
Linz-München (kath.net/ln) KATH.NET: Sie haben in Ihrem Leben eine große Wandlung und eine besondere, wohl weil sehr direkte Begegnung mit Gott erlebt. Was war oder ist für Sie das größte Wunder?
Dario Pizzano: Das größte Wunder für mich ist ganz klar die Erkenntnis dass es einen Gott gibt, dass dieser lebendig und ausgerechnet an mir persönlich und liebevoll interessiert ist. Dieser Gott ist mir seit dieser Begegnung im Auto und den darauf folgenden Ereignissen derart Wirklichkeit geworden, das ich heute mit ihm sprechen kann, wie mit einem Vater. Ja, eine tiefe, innige Freund- und Bekanntschaft mit Jesus Christus liegt meinem heutigen Leben zugrunde. Gott in meinem früheren Leben nicht zu erkennen, bedeutete für mich an innerer Einsamkeit zu implodieren. Meine Süchte und Ängste fraßen mich geradezu auf. Erst als ich Gott, in der Begegnung mit Christus erkannte, wurde ich Mensch. Diese Wahrheit, die Person ist, hat mich befreit. So kann und darf ich heute durch die Augen des Glaubens sagen: alles was ist, ist für mich heute ein Wunder./
KATH.NET: Sie beschreiben in Ihrem Buch "Exzess" auch Ihre Suche bei anderen Religionen, zum Beispiel dem Buddhismus. Können Sie sich erklären, warum dieser heute so viel Anklang bei uns findet, warum Sie selbst davon aber nicht überzeugt wurden?
Dario Pizzano: Das ganze Fortschritts und Globalisierungsdenken der heutigen modernen Gesellschaft fördert sicherlich den Wohlstand und fasziniert einerseits. Andererseits bringt er aber auch noch etwas hervor: tiefe Verunsicherung und Orientierungslosigkeit ob der Unübersichtlichkeit dieser Welt. Darum suchen die Menschen meines Erachtens auch wieder nach tieferem, sehnen sich nach Geborgenheit und Frieden. Der Buddhismus ist eine Religion der recht formlos und dogmatikfrei, friedlich aber eben unverbindlich daherkommt. Das spricht einige Menschen der Moderne vielleicht eher an. Für mich persönlich war es auf Dauer nicht befriedigend, da ich den Buddhismus als menschliche Glückstechniken, das Leid zu überwinden, erlebt habe. Das Leid aber wirklich mittragen können Sie nicht. Alle Macht, die im Buddhismus beschworen wird, ist die Macht in mir. Der Tod, vor dem ich mich mein Leben lang fürchtete, bedroht mich aber von außen. Erst die Beziehung zu dem lebendigen Gott in Christus hat mir diese Angst genommen./
KATH.NET: Was hatten die Sakramente für eine Bedeutung für Sie nach Ihrem persönlichen "Damaskuserlebnis"? Konnten Sie in der Eucharistie, in der Beichte... denjenigen erkennen, dem Sie begegnet waren?
Dario Pizzano: Die Sakramente waren sogar sehr wichtig und zentral für mich. Ich bin dankbar, in der Anfangszeit einen guten geistlichen Begleiter auf dem Weg geschenkt bekommen zu haben. Er hat mich kompetent an die Sakramente heran geführt und tatsächlich habe ich sie als wirkmächtig erfahren. Insbesondere die erste große Lebensbeichte, in der ich Gott als den allmächtigen, vergebenden und erbarmenden Vater erfahrenden habe, war ein unfassbares Geschenk. Die ersten Besuche in der Messe und der Empfang der Eucharistie verliefen stets unter Tränen vor lauter Dankbarkeit und Glück über die Gemeinschaft mit diesem Gott. Ja, ich kann Gott wirklich, in diesen großen Geschenken der Sakramente, erkennen und begegnen. /
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KATH.NET: Was hat Sie zu Beginn auf ihrem Glaubensweg am Meisten fasziniert?
Dario Pizzano: Da gibt es so vieles. Es war, so schreibt G. K. Chesterton ja über den Glauben: ein einziges Abenteuer! Diese unverdiente Gnade, das Angenommensein, das Ankommen bei Jesus ohne Beweis- und Leistungspflicht. Die geschenkte Vergebung. Das neue Getragen Sein. Das Erkennen wichtiger Zusammenhänge im Leben. Die neuen Augen: mir wurden neue Augen geschenkt. Ich sah die Welt und Menschen erstmalig als das an, was Sie wirklich sind: Wunder! Geschöpfe und Schöpfung eines Liebenden. Ich durfte mich als geliebtes Kind Gottes erfahren. Das alles war und ist bis heute einfach nur faszinierend. Darum möchte und muss ich auch einfach davon erzählen. /"/Unmöglich können wir schweigen/ /über das/, /was/ /wir/ gesehen /und/ gehört /haben/" (Apg 4,20).
KATH.NET: Wie war die Reaktion Ihrer "alten" Freunde auf ihren Lebenswandel?
Dario Pizzano: Erst einmal haben Sie das wieder einmal für eine meiner verrückten Ideen gehalten. Sie meinten mit einem Augenzwinkern:"Jetzt macht er mal einen auf den heiligen Franziskus vom Eichsfeld. Danach vielleicht noch mal ins Dschungelcamp!?" Einige hielten mich für verrückt. Einige haben mich verlassen. "Jetzt ist er durchgeknallt." Doch viele haben recht schnell merken müssen, da ich es ernst meine. Ich habe mich firmen lassen, angefangen Theologie zu studieren und danach alles hinter mir gelassen, was vorher mein Leben bestimmt hatte. Heute lacht keiner mehr von den echten Freunden, einige haben ihrem Leben auch eine Wende gegeben: sie sind Christen geworden und/oder fragen mich heute viel im Bezug auf den Glauben an Jesus und die Kirche. Ich bin sehr dankbar, dass alle meine wahren Freunde auch heute noch in meinem Horizont sind und ich selbst Ihnen weiterhin ein Freund sein kann./
KATH.NET: Sie sprechen in Ihrem Buch offen über Depressionen und auch die Diagnose Burnoutsyndrom, und das "obwohl" Sie gerade Christ geworden waren. Sie vergleichen diese Zeit mit der Wüste. Können Sie uns darüber näheres sagen?
Dario Pizzano: Ja, ich glaube in der Tat, das es wichtig ist zu sagen, das die Entscheidung für ein Leben mit Gott, mit Jesus eben nicht nur eitel Sonnenschein ist, sondern auch die Begegnung mit der Wahrheit. Das ist mehr als nur ein Wohlfühlgott. Die Wahrheit kann auch schon mal sehr wehtun und ich habe dies Diagnose Burnoutsyndrom als meine Wüstenzeit erlebt. In dieser Zeit ist ja auch das Buch entstanden. In der Wüste, der Einsamkeit, wird man bereits erwartet. Von der Wahrheit. Von Gott selbst. Er hat mir dort vor Augen geführt, dass ich seine Vergebung nicht nur anzunehmen, sondern sie auch weiterzugeben habe. Er hat mir gezeigt, wie schuldig auch ich mich gemacht habe, an anderen Menschen. Zudem habe ich in diesen 9 Monaten Einsamkeit fast alles über meine Herkunft erkannt und nur so wurde mir heute eine Zukunft, eine neue Berufung, ermöglicht. Heute stehen alle meine mir geschenkten Talente im Dienst der Kirche./
KATH.NET: Heute gibt es viele Menschen, die mit der katholischen Kirche nichts mehr anfangen können bzw. die über den Papst, die Priester, den Zölibat... jammern und glauben, dass hier dringend Reformen anstünden. Was ist Ihre Meinung dazu?
Dario Pizzano: Der kolumbianische Philosoph N.G.Davila hat einmal gesagt, ein Katholik, der beginnt sich um seine Kirche zu sorgen, ist kein Katholik mehr. Ich glaube, er hat Recht! Erstens ist es nicht *Seine, *also *unsere* Kirche, sondern es ist die Kirche des Herrn! Mir fehlt vor allem das sentire cum ecclesia. Das Mitfühlen und der Gehorsam mit Kirche. Für mich ist die Kirche ein Ort der Freiheit! Diskussionen wie Abschaffung des Zölibats und Priestertums befremden mich. Ich würde mir das Gegenteil wünschen: die Aufwertung, Unterstützung und ein neuer Respekt gegenüber diesen Berufungen. Der heiligmäßige Priester und der Zölibat sind eine Provokation in der heutigen modernen Welt. Das ist mir bewusst. Aber nicht ohne Grund gibt es sie und nicht ohne Grund sollen diese abgeschafft werden. Es fehlt leider bei einigen eine echte Beziehung zu Christus, ohne die ein symphatisches, also mitfühlendes und wohlwollendes Verstehen für Kirche leider abhanden kommt. Zum Papst kann ich nur eines sagen: ich erlebe ihn als ein einziges Geschenk auf meinem Glaubensweg und an diese Kirche. Ich lese alle seine Bücher und Enzykliken. Er ist heute nach Jesus mein größter Lehrer./
KATH.NET: Sie haben zwei Kinder- was ist Ihnen am Wichtigsten, diesen mitzugeben bzw. wie glauben Sie, können Eltern heute dazu beitragen, dass ihre Kinder nicht in die Drogenszene abrutschen?
Dario Pizzano: Das allerwichtigste ist denke ich vor allem eines: die Kommunikation und das Vertrauen. Wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, das viele zu wenig untereinander reden. Je mehr Gott aus unserem Leben verschwindet, desto weniger verstehen und lieben wir uns. Siehe den Turmbau zu Babel. Darum versuchen wir es mit meinen Kindern so: wir beten miteinander vor dem Essen und Sonntag in der Messe, wir sprechen von Gott, der Liebe, dem Wert und der Würde, die wir als Menschen von Gott haben. Wir nehmen sie ernst. Wir trauen ihn etwas zu. So glaube ich das beste Mittel, Kinder nicht an die Drogen zu verlieren ist, sie so zu lieben, wie Gott sie sieht! /
(”Exzess: Meine zwei Leben” )
Dario Pizzano schildert in „Exzess“ überzeugend ehrlich die zwei Seiten seines Lebens: seine Alkoholexzesse, seine Erfahrungen mit harten Drogen und sein Leben auf der Überholspur, wie auch die allesverändernden religiösen Erfahrungen, die sein Leben zum Guten wenden. Ein sehr authentisches und glaubwürdiges Buch, das gleichzeitig ein Wegweiser in das Leben sein kann.
Pizzanos Weg
Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann arbeitete Pizzano zwölf Jahre erfolgreich als Eventmanager und Clubbetreiber. Insgesamt fünfzehn Jahre lässt er nichts aus: Partys, Drogen, erotische Abenteuer. Er ist stets auf der Suche nach dem nächsten Highlight. Dabei macht ihm jedoch der Erfolgsdruck durch seinen Vater und die ständige Suche nach dessen Anerkennung sehr zu schaffen. Irgendwann fühlt er sich ausgebrannt und leer. Er spürt immer wieder die panische Angst vor dem Tod. Sein Leben entgleitet ihm immer mehr.
Eines Tages liest er ein Buch vom Dalai Lama. Der Gedanke, das Leid der Welt anzunehmen, es zu überwinden und klug daraus zu werden, spricht ihn unvermittelt an. Ebenso die Einstellung, viele Dinge nicht so wichtig zu nehmen, auch den Tod nicht. Pizzano hat das Gefühl, Frieden in seiner Seele gefunden zu haben. Trotzdem kann er die Angst vor dem Tod nicht ablegen. Seine Begründung dafür: „Aber hier wird kein Gott gerufen, der mich hört und der mir hilft. Alle Macht, die im Buddhismus beschworen wird, ist die Macht in mir. Der Tod bedroht mich aber von außen. … die Lektüre hinterlässt Enttäuschung und einen bitteren Nachgeschmack: alles nur Menschenwerk, …“
Pizzano ist also weiter auf der Suche. Sein Interesse an religiösen und philosophischen Fragen ist geweckt. Er sympathisiert mit Nitsche, Kant und Platon, weil auch sie sich ehrliche Gedanken um den Sinn des Daseins machen. Aber so richtig bringt ihn auch diese Sichtweise vom Leben nicht weiter. Zwei weitere Ereignisse machen Pizzano in der folgenden Zeit sehr zu schaffen. Eine neue Geschäftsidee scheitert und sein geliebter Großvater aus Italien stirbt. Dies führt ihn in eine weitere Depression. Bis ihm eines Tages etwas Merkwürdiges passiert, das ihm die Gewissheit gibt, „Es gibt Gott! ER sieht mich! ER ist da!“ und schließlich zum kompletten Ausstieg aus seinem bisherigen Leben führt.
Es ist ein aufrichtiges Buch.
Als Leser spürt man die Authentizität der Geschichte. Hier ist nichts erfunden oder zugedichtet. Dario Pizzano hat dieses Buch geschrieben, um andere teilhaben zu lassen an seiner schmerzlichen, aber auch wunderbaren Erfahrung mit Gott. Das Buch möchte Mut machen: Jeder kann sein Leben ändern und es so leben, wie Gott es von ihm geträumt hat. Es geht darum seine lenkende Hand im eigenen Leben entdecken. Das Buch beschreibt einen Prozess der Suche, der letztlich im praktisch gelebten Glauben mündet. In der Kirche findet Pizzano die Möglichkeit, diesen Glauben in Gemeinschaft zu leben. Heute arbeitet er in der Erwachsenbildung der Diözese Erfurt.
Zielgruppe
Geeignet ist dieses Buch für Leser ab 21 Jahren, die ihre Ausbildung abgeschlossen oder gerade Abitur gemacht haben und eher planlos vor der weiten Welt stehen und nicht wissen, wo ihr Platz in dieser Welt sein wird. Aber auch ältere Menschen, die diese Sinnsuche im Leben kennen, fühlen sich sehr stark von diesem Buch angesprochen. Mich hat das Buch sehr gefesselt. Ich dachte, dass ich es so nebenbei lesen könnte, musste aber feststellen, dass oft so viel Wahrhaftigkeit und Aussagekraft in vielen Sätzen steckt, die man als Leser gerne erst einmal verinnerlicht, um weiterzulesen.
Exzess: Meine zwei Leben Dario Pizzano, Pattloch Verlag 2010, 271 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 13,5 x 20,8 cm
Dario Pizzano hat sein Leben aufgeschrieben. Vor wenigen Jahren, mit Anfang 30 war er am Ende seiner Kräfte, vom Leben auf der Überholspur. Drogen, Alkohol, Partys. Er stieg höher, taumelte schließlich und fiel. Da begegnete der Gott. Diese Begegnung veränderte sein Leben. Eine moderne Bekehrungsgeschichte.
Nichts hetzt ihn mehr. Heute nimmt sich Dario Pizzano Zeit. Gedankenverloren steht der dunkelhaarige, fast zierlich wirkende Mann in der Halle des Göttinger Bahnhofs und wartet darauf, wieder von seinem Buch zu erzählen. So viele Male hat er das in der letzten Zeit schon getan. Geduldig Fragen beantwortet, Details erläutert, Zusammenhänge erklärt. Seit bekannt ist, dass er sein Leben niedergeschrieben hat, interessieren sich viele dafür. Besonders die Medien. Aber er spricht nicht mit allen darüber. Nicht mit solchen, die seine Botschaft missverstehen oder ins schillernde Licht rücken wollen. „Die Bild-Zeitung hat auch angefragt. Aber ich glaube, das wäre der falsche Weg, oder?“, fragt einer, der immer irgendwie in der Öffentlichkeit stand und mit dem Charme seiner italienischen Wurzeln nun doch so jungenhaft zurückhaltend und fast ein wenig unsicher wirkt. Man merkt ihm an, dass alles noch frisch ist. Dass Dario Pizzano noch im Anfangsstadium des Christseins befindet. Und doch schient er weiter zu sein, als so Mancher, der seit 30 Jahren regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst besucht und in der katholischen Tradition groß geworden ist.
In lilafarbenem Pullover und schwarzer Jeans sitzt der Autor am Cafétisch, lacht gewinnend und offen, während er Jacke und gestreiften Wollschal beiseite legt. Die linke Augenbraue zuckt fast ein wenig spitzbübisch. „Klar haben auch einige komisch geguckt, als sie erfuhren, was mir passiert ist. ´Jetzt ist er verrückt geworden´, haben sie gesagt, ´jetzt hat er die Mutter Gottes gesehen, jetzt ist er der Heilige Franziskus vom Eichsfeld. Aber manche sehen vielleicht etwas in mir, was ich nicht bin; ich bin kein Heiliger, kein Prophet – ich bin nur Gott begegnet.“
Mit 35 Jahren kann der Vater zweier unehelicher Kinder auf ein Leben zurückblicken, das wahrscheinlich für drei gereicht hätte. Einsamkeit und die Angst vor dem eigenen Tod waren die Schatten, die von Kindheit immer an seiner Seite waren, wie er in seinem Buch „eXzess - meine zwei Leben“ erzählt. Das war eigentlich sein persönliches Buch der Therapie, um Vergangenes zu reflektieren, sein Leben aufzuarbeiten, um endlich mit dem abschließen zu können, was ihn zu zerstören drohte. „Nackt kann die Wahrheit nur sein, wenn sie in Liebe angeschaut wird“, schreibt Pizzano. Viel Neues prasselte in den vergangenen Wochen und Monaten auf diesen jungen Mann ein. Alles habe sich verändert, obwohl er noch immer das mache, was er vorher gemacht habe – „nur eben jetzt für Gott.“
Dario Pizzanos Jugend war nicht einfach; als er drei Jahre alt ist, verlässt sein italienischer Vater seine deutsche Mutter. Die flüchtet sich in immer wechselnde Beziehungen, der Junge sieht seinen Vater nur selten. Einzig bei seinen deutschen Großeltern erfahren er und seine jüngere Schwester ein wenig familiäre Geborgenheit. Schwer sei es ihm beim Schreiben gefallen, wieder in diese schmerzvolle Zeit seiner Kindheit abzutauchen, erklärt der Autor. „Es war aber auch zugleich erstaunlich, wie schnell doch alle Bilder wieder da sind – selbst nach so vielen Jahren“.
Sein Lebenstagebuch erzählt von einem Mann der - mitten im Leben stehend - seine Geschichte erzählt. Unaufdringlich und doch so eindringlich, dass kaum auffällt, wie viele Worte er für die Rückblende findet. Er nippt nur kurz an seinem Latte Macchiato, Dario Pizzano steckt voll vom dem, was er so gerne weitergeben möchte.
Er sei einer gewesen, dem das Lernen nie schwer fiel, hatte eine Ausbildung zum Industriekaufmann erfolgreich abgeschlossen und war im Anschluss als Geschäftsführer, DJ und Manager eine große Event-Kneipe tätig. Zunächst klingt der Lebenslauf unspektakulär, allenfalls etwas unkonventionell – aber nur, wenn man die Details und Pizzanos Seelenchaos in den Jahren seiner Jugend und seines Erwachsenwerdens beiseite lässt: Dass er bereits mit 13 entschied zum Vater zu ziehen, seinem großen Vorbild. Dort lebte der Junge allein in einer Wohnung, unbeobachtet und unkontrolliert trat er dort langsam seinen seelischen Abstieg an. Partys, Alkohol, Frauen – und letztendlich harte Drogen bestimmen in den Jahren des Heranwachsens seinen Weg.
Dario Pizzano hatte sich nach außen ein tadelloses Image geschaffen; Um davon abzulenken, wie einsam er wirklich war, welche Angst er vor dem Tod hatte. Schon in jungen Jahren sei er gut darin gewesen, anderen etwas vorzuspielen, schildert er in seinem Buch. Um zumindest nach außen das Defizit an Anerkennung und Zuwendung auszugleichen, das ihm im Familiären versagt geblieben war.
Nach seiner Begegnung mit Gott im Jahr 2006 war schlagartig alles anders. Bis heute. Alles habe sich damals im Auto auf der Landstraße plötzlich klar und frei angefühlt, er habe unendliches Glück und Wärme gespürt, so schildert Dario Pizzano den Moment. Im Geiste hörte er Gottes Stimme, die ihm die unumstößliche Gewissheit gab, dass er nicht alleine sei. Der schlanke Mann schlägt die Beine am Cafétisch übereinander, lehnt sich zurück und nippt erneut an seinem Latte Macchiato „Wenn du dein ganzes Leben auf der Suche bist und kriegst dann dieses unglaubliche Geschenk, Gott erkennen zu dürfen. Zu sehen, da ist jemand, der dich kennt und liebt, das ist was ganz Fantastisches.“
Mit diesem Erlebnis geht er hinaus, möchte darüber sprechen und andere anstecken. Die Zeiten, anderen etwas vorzumachen seien für ihn entgültig vorbei. „Dadurch, dass ich keine Lust mehr habe auf Lügen, darauf, mir Masken aufzusetzen, merken die Leute vielleicht, dass ich echt bin. Sie sehen – der ist offen, also bin ich auch offen. Das ist eine neue Erfahrung für mich.“ Pizzano hat sein Buch zwar für sich geschrieben – gewidmet hat er es aber seinen Freunden. „Sie sind Menschen, die meinen Wandel zwar von außen gesehen haben, aber doch so wenig von mir wissen. Auch wenn wir so viele Jahre miteinander lebten, wissen die meisten nicht, was in meinem innersten Kern los ist.“
Sein Buch sei aber keine Lebensbeichte. Dario Pizzano reflektiert lediglich sein Leben – schonungslos ehrlich und gleichzeitig friedfertig. „Das Buch sollte ein Segen sein für alle, aber nie eine Abrechnung, ich wollte nie jemanden verurteilen oder mich über jemanden stellen. Das ist nicht mein Ding.“ Heute nimmt er sich Zeit für Dinge, die ihm auf der Überholspur nie etwas bedeutet haben: er kocht gerne und genießt es, in der Natur unterwegs zu sein.
Dario Pizzano strahlt innere Ruhe aus, eine geradezu ansprechende Besonnenheit. Mit Gesten unterstreicht er seine Worte. Vor der Veröffentlichung seines Buches habe er großen Druck verspürt, sei unsicher geworden. Dann habe er die Antwort im Gebet gesucht – im Zweigespräch mit Gott, das er bis vor wenigen Jahren nicht kannte. Und ohne das er heute nicht mehr kann. Nur Gottes Zuspruch reichte in diesem Fall nicht. „Dann kam mir der Gedanke: Schick es deiner Mutter.“
Der Frau, zu der er lange Zeit kaum Kontakt hatte. Mit der er aber schon vor Monaten seinen Frieden gemacht und sich ihr wieder angenähert hat. Auf die Post ihres Sohnes antwortete sie mit einer berührenden SMS. Sätze, nach denen Pizzano sich so lange gesehnt hat, wie er mit verhaltener, nachdenklicher Stimme bemerkt. Bei seinem Vater hatte er weniger Erfolg. Er hege aber keinen Groll mehr gegen den Mann, um dessen Anerkennung und Liebe er Zeit seines Lebens gebuhlt hatte. Vater und Sohn hatte die Tatsache auseinander getrieben, dass Dario nicht wie vom Vater gewünscht, in dessen Fußstapfen getreten ist. Auch wenn es zeitweise so aussah.
Denn nach einem kalten Drogenentzug mit Mitte Zwanzig hatte der Vater dem Sohn die Hand gereicht und machte ihn zum Geschäftsführer des Gastronomiebetriebes. Pizzano sah kurzweilig eine Perspektive, lebte in einer festen Beziehung und wähnte sich glücklich. Doch immer wieder habe er etwas gespürt, das ihm fehlte, das nicht echt gewesen sei. Er suchte Antworten – in philosophischen Werken und im Buddhismus. Klären konnte er seine Sinnfragen aber auch dort nicht. Seelisch und körperlich ausgelaugt begegnete er schließlich Gott.
Dieser Einschnitt ist für ihn entscheidend: Nach seiner ersten Beichte bei einem Priester verschlingt er förmlich theologische Bücher – rund 300 in nur wenigen Monaten. Begeistert stürzt er sich in ein theologisches Fernstudium. „In der Bibel fand ich endlich Antworten, auf all meine Fragen. Das war unglaublich.“ Doch alles andere ging weiter bergab; eine langjährige Beziehung zerbrach, die Arbeit im väterlichen Berieb erschien ihm immer sinnloser. Dann die Diagnose: Burn-out. Infarkt der Seele. „Ich musste etwas ändern. Zur Ruhe kommen. Dinge beenden.“Ruhe zum Nachdenken fand er in einem Kloster in Bochum-Stiepel. Dort konnte er seine Perspektiven neu ordnen und klarer sehen, was Gott ihm vorgab. „Eines hat mich getröstet: Wenn Er der Steuermann ist, muss ich mich nicht um den Kurs sorgen.“ Der Kurs, den Pizzano einschlug, scheint tatsächlich von Gott gegeben. „Das ging seit meiner Entscheidung, Jesus mein Leben zu geben; die Dinge kamen immer wieder einfach auf mich zu und ich musste immer nur noch ja sagen und zugreifen.“
So war es auch mit seiner neuen Aufgabe in seiner Heimatdiözese Erfurt. Wie maßgeschneidert klang die Stellenanzeige, auf die er sich bewarb. Nun ist Pizzano seit letztem Sommer verantwortlich für kirchliche Bildungsarbeit. Fragt man ihn danach, wie sich sein Leben verändert hat, zuckt er gelassen mit den Schultern. „Gar nicht so sehr – ich mache fast das Gleiche wie früher. Ich organisiere Veranstaltungen und Vorträge, ich bin wieder eine öffentliche Person – aber eben mit einer Geschichte, an der sich die Leute reiben können. Letztlich spüre ich, dass Gott nichts von meiner Identität ausgelöscht hat, sondern sie einfach mal neu verwandelt hat.“.
Auch sein privates Glück hat er endlich gefunden: Er hat eine neue Partnerin an seiner Seite, seine beiden Kinder sind regelmäßig bei ihm, der Kontakt zu Mutter und Schwester ist wieder da, Freunde die ihm zeitweilig den Rücken gekehrt hatten, sind zurück. Dario Pizzano schaut nach vorn. „Ich wünsche mir, das die Menschen bei meiner Geschichte vor allem eines sehen: Das da wirklich jemand ist, an den man sich wenden kann. Er hatte mich die ganze Zeit auf dem Schirm - nur ich habe ihn erst vor kurzem gesehen.“