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Donnerstag, 1. Juli 2010

Autorenportrait "Stadt Gottes" Heft Juli 2010

Dario Pizzano
Seine zwei Leben


Dario Pizzano hat sein Leben aufgeschrieben. Vor wenigen Jahren, mit Anfang 30 war er am Ende seiner Kräfte, vom Leben auf der Überholspur. Drogen, Alkohol, Partys. Er stieg höher, taumelte schließlich und fiel. Da begegnete der Gott. Diese Begegnung veränderte sein Leben. Eine moderne Bekehrungsgeschichte.


Nichts hetzt ihn mehr. Heute nimmt sich Dario Pizzano Zeit. Gedankenverloren steht der dunkelhaarige, fast zierlich wirkende Mann in der Halle des Göttinger Bahnhofs und wartet darauf, wieder von seinem Buch zu erzählen. So viele Male hat er das in der letzten Zeit schon getan. Geduldig Fragen beantwortet, Details erläutert, Zusammenhänge erklärt. Seit bekannt ist, dass er sein Leben niedergeschrieben hat, interessieren sich viele dafür. Besonders die Medien. Aber er spricht nicht mit allen darüber. Nicht mit solchen, die seine Botschaft missverstehen oder ins schillernde Licht rücken wollen. „Die Bild-Zeitung hat auch angefragt. Aber ich glaube, das wäre der falsche Weg, oder?“, fragt einer, der immer irgendwie in der Öffentlichkeit stand und mit dem Charme seiner italienischen Wurzeln nun doch so jungenhaft zurückhaltend und fast ein wenig unsicher wirkt. Man merkt ihm an, dass alles noch frisch ist. Dass Dario Pizzano noch im Anfangsstadium des Christseins befindet. Und doch schient er weiter zu sein, als so Mancher, der seit 30 Jahren regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst besucht und in der katholischen Tradition groß geworden ist.


In lilafarbenem Pullover und schwarzer Jeans sitzt der Autor am Cafétisch, lacht gewinnend und offen, während er Jacke und gestreiften Wollschal beiseite legt. Die linke Augenbraue zuckt fast ein wenig spitzbübisch. „Klar haben auch einige komisch geguckt, als sie erfuhren, was mir passiert ist. ´Jetzt ist er verrückt geworden´, haben sie gesagt, ´jetzt hat er die Mutter Gottes gesehen, jetzt ist er der Heilige Franziskus vom Eichsfeld. Aber manche sehen vielleicht etwas in mir, was ich nicht bin; ich bin kein Heiliger, kein Prophet – ich bin nur Gott begegnet.“ 

Mit 35 Jahren kann der Vater zweier unehelicher Kinder auf ein Leben zurückblicken, das wahrscheinlich für drei gereicht hätte. Einsamkeit und die Angst vor dem eigenen Tod waren die Schatten, die von Kindheit immer an seiner Seite waren, wie er in seinem Buch „eXzess - meine zwei Leben“ erzählt. Das war eigentlich sein persönliches Buch der Therapie, um Vergangenes zu reflektieren, sein Leben aufzuarbeiten, um endlich mit dem abschließen zu können, was ihn zu zerstören drohte. „Nackt kann die Wahrheit nur sein, wenn sie in Liebe angeschaut wird“, schreibt Pizzano. Viel Neues prasselte in den vergangenen Wochen und Monaten auf diesen jungen Mann ein. Alles habe sich verändert, obwohl er noch immer das mache, was er vorher gemacht habe – „nur eben jetzt für Gott.“


Dario Pizzanos Jugend war nicht einfach; als er drei Jahre alt ist, verlässt sein italienischer Vater seine deutsche Mutter. Die flüchtet sich in immer wechselnde Beziehungen, der Junge sieht seinen Vater nur selten. Einzig bei seinen deutschen Großeltern erfahren er und seine jüngere Schwester ein wenig familiäre Geborgenheit. Schwer sei es ihm beim Schreiben gefallen, wieder in diese schmerzvolle Zeit seiner Kindheit abzutauchen, erklärt der Autor. „Es war aber auch zugleich erstaunlich, wie schnell doch alle Bilder wieder da sind – selbst nach so vielen Jahren“.


Sein Lebenstagebuch erzählt von einem Mann der - mitten im Leben stehend - seine Geschichte erzählt. Unaufdringlich und doch so eindringlich, dass kaum auffällt, wie viele Worte er für die Rückblende findet. Er nippt nur kurz an seinem Latte Macchiato, Dario Pizzano steckt voll vom dem, was er so gerne weitergeben möchte. 

Er sei einer gewesen, dem das Lernen nie schwer fiel, hatte eine Ausbildung zum Industriekaufmann erfolgreich abgeschlossen und war im Anschluss als Geschäftsführer, DJ und Manager eine große Event-Kneipe tätig. Zunächst klingt der Lebenslauf unspektakulär, allenfalls etwas unkonventionell – aber nur, wenn man die Details und Pizzanos Seelenchaos in den Jahren seiner Jugend und seines Erwachsenwerdens beiseite lässt: Dass er bereits mit 13 entschied zum Vater zu ziehen, seinem großen Vorbild. Dort lebte der Junge allein in einer Wohnung, unbeobachtet und unkontrolliert trat er dort langsam seinen seelischen Abstieg an. Partys, Alkohol, Frauen – und letztendlich harte Drogen bestimmen in den Jahren des Heranwachsens seinen Weg. 

Dario Pizzano hatte sich nach außen ein tadelloses Image geschaffen; Um davon abzulenken, wie einsam er wirklich war, welche Angst er vor dem Tod hatte. Schon in jungen Jahren sei er gut darin gewesen, anderen etwas vorzuspielen, schildert er in seinem Buch. Um zumindest nach außen das Defizit an Anerkennung und Zuwendung auszugleichen, das ihm im Familiären versagt geblieben war.


Nach seiner Begegnung mit Gott im Jahr 2006 war schlagartig alles anders. Bis heute. Alles habe sich damals im Auto auf der Landstraße plötzlich klar und frei angefühlt, er habe unendliches Glück und Wärme gespürt, so schildert Dario Pizzano den Moment. Im Geiste hörte er Gottes Stimme, die ihm die unumstößliche Gewissheit gab, dass er nicht alleine sei. Der schlanke Mann schlägt die Beine am Cafétisch übereinander, lehnt sich zurück und nippt erneut an seinem Latte Macchiato „Wenn du dein ganzes Leben auf der Suche bist und kriegst dann dieses unglaubliche Geschenk, Gott erkennen zu dürfen. Zu sehen, da ist jemand, der dich kennt und liebt, das ist was ganz Fantastisches.“

Mit diesem Erlebnis geht er hinaus, möchte darüber sprechen und andere anstecken. Die Zeiten, anderen etwas vorzumachen seien für ihn entgültig vorbei. „Dadurch, dass ich keine Lust mehr habe auf Lügen, darauf, mir Masken aufzusetzen, merken die Leute vielleicht, dass ich echt bin. Sie sehen – der ist offen, also bin ich auch offen. Das ist eine neue Erfahrung für mich.“ Pizzano hat sein Buch zwar für sich geschrieben – gewidmet hat er es aber seinen Freunden. „Sie sind Menschen, die meinen Wandel zwar von außen gesehen haben, aber doch so wenig von mir wissen. Auch wenn wir so viele Jahre miteinander lebten, wissen die meisten nicht, was in meinem innersten Kern los ist.“


Sein Buch sei aber keine Lebensbeichte. Dario Pizzano reflektiert lediglich sein Leben – schonungslos ehrlich und gleichzeitig friedfertig. „Das Buch sollte ein Segen sein für alle, aber nie eine Abrechnung, ich wollte nie jemanden verurteilen oder mich über jemanden stellen. Das ist nicht mein Ding.“ Heute nimmt er sich Zeit für Dinge, die ihm auf der Überholspur nie etwas bedeutet haben: er kocht gerne und genießt es, in der Natur unterwegs zu sein.

Dario Pizzano strahlt innere Ruhe aus, eine geradezu ansprechende Besonnenheit. Mit Gesten unterstreicht er seine Worte. Vor der Veröffentlichung seines Buches habe er großen Druck verspürt, sei unsicher geworden. Dann habe er die Antwort im Gebet gesucht – im Zweigespräch mit Gott, das er bis vor wenigen Jahren nicht kannte. Und ohne das er heute nicht mehr kann. Nur Gottes Zuspruch reichte in diesem Fall nicht. „Dann kam mir der Gedanke: Schick es deiner Mutter.“

Der Frau, zu der er lange Zeit kaum Kontakt hatte. Mit der er aber schon vor Monaten seinen Frieden gemacht und sich ihr wieder angenähert hat. Auf die Post ihres Sohnes antwortete sie mit einer berührenden SMS. Sätze, nach denen Pizzano sich so lange gesehnt hat, wie er mit verhaltener, nachdenklicher Stimme bemerkt. Bei seinem Vater hatte er weniger Erfolg. Er hege aber keinen Groll mehr gegen den Mann, um dessen Anerkennung und Liebe er Zeit seines Lebens gebuhlt hatte. Vater und Sohn hatte die Tatsache auseinander getrieben, dass Dario nicht wie vom Vater gewünscht, in dessen Fußstapfen getreten ist. Auch wenn es zeitweise so aussah.


Denn nach einem kalten Drogenentzug mit Mitte Zwanzig hatte der Vater dem Sohn die Hand gereicht und machte ihn zum Geschäftsführer des Gastronomiebetriebes. Pizzano sah kurzweilig eine Perspektive, lebte in einer festen Beziehung und wähnte sich glücklich. Doch immer wieder habe er etwas gespürt, das ihm fehlte, das nicht echt gewesen sei. Er suchte Antworten – in philosophischen Werken und im Buddhismus. Klären konnte er seine Sinnfragen aber auch dort nicht. Seelisch und körperlich ausgelaugt begegnete er schließlich Gott.


Dieser Einschnitt ist für ihn entscheidend: Nach seiner ersten Beichte bei einem Priester verschlingt er förmlich theologische Bücher – rund 300 in nur wenigen Monaten. Begeistert stürzt er sich in ein theologisches Fernstudium. „In der Bibel fand ich endlich Antworten, auf all meine Fragen. Das war unglaublich.“ Doch alles andere ging weiter bergab; eine langjährige Beziehung zerbrach, die Arbeit im väterlichen Berieb erschien ihm immer sinnloser. Dann die Diagnose: Burn-out. Infarkt der Seele. „Ich musste etwas ändern. Zur Ruhe kommen. Dinge beenden.“Ruhe zum Nachdenken fand er in einem Kloster in Bochum-Stiepel. Dort konnte er seine Perspektiven neu ordnen und klarer sehen, was Gott ihm vorgab. „Eines hat mich getröstet: Wenn Er der Steuermann ist, muss ich mich nicht um den Kurs sorgen.“ Der Kurs, den Pizzano einschlug, scheint tatsächlich von Gott gegeben. „Das ging seit meiner Entscheidung, Jesus mein Leben zu geben; die Dinge kamen immer wieder einfach auf mich zu und ich musste immer nur noch ja sagen und zugreifen.“

So war es auch mit seiner neuen Aufgabe in seiner Heimatdiözese Erfurt. Wie maßgeschneidert klang die Stellenanzeige, auf die er sich bewarb. Nun ist Pizzano seit letztem Sommer verantwortlich für kirchliche Bildungsarbeit. Fragt man ihn danach, wie sich sein Leben verändert hat, zuckt er gelassen mit den Schultern. „Gar nicht so sehr – ich mache fast das Gleiche wie früher. Ich organisiere Veranstaltungen und Vorträge, ich bin wieder eine öffentliche Person – aber eben mit einer Geschichte, an der sich die Leute reiben können. Letztlich spüre ich, dass Gott nichts von meiner Identität ausgelöscht hat, sondern sie einfach mal neu verwandelt hat.“.


Auch sein privates Glück hat er endlich gefunden: Er hat eine neue Partnerin an seiner Seite, seine beiden Kinder sind regelmäßig bei ihm, der Kontakt zu Mutter und Schwester ist wieder da, Freunde die ihm zeitweilig den Rücken gekehrt hatten, sind zurück. Dario Pizzano schaut nach vorn. „Ich wünsche mir, das die Menschen bei meiner Geschichte vor allem eines sehen: Das da wirklich jemand ist, an den man sich wenden kann. Er hatte mich die ganze Zeit auf dem Schirm - nur ich habe ihn erst vor kurzem gesehen.“ 

für die "Stadt Gottes" Judith Bornemann

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