Glauben für ein erfülltes Leben
Göttinger Kinderärztin Dr. med. Herrad C. Hinz sprach im
Eichsfeldforum
Heiligenstadt. Schon als Dr. med. Herrad C. Hinz aus Göttingen, bekannte Kinderärztin im
Ruhestand, zum Thema „Bindungen – Warum wir
nicht alleine leben können!“ im Eichsfeldforum gesprochen hatte, war das
Zuhörerinteresse riesengroß. Grund genug, sie Ende Oktober 2015 erneut ins
Marcel-Callo-Haus einzuladen. Diesmal mussten die Organisatoren mit Moderator
Dario Pizzano sogar noch zusätzliche Tische und Stühle aufstellen. „Was Kinder
stark macht in schweren Zeiten“ lautete das Thema. Es sprach auch jene Besucher
an, die keine Kinder oder keine mehr zu Hause haben und keinen pädagogischen
Beruf ausüben.Die Referentin verzichtete auf ihr Honorar zu Gunsten der in Chile lebenden deutschen Ordensschwester Karoline Mayer und der von der Ordensfrau gegründeten „Fundación Cristo Vive“. Die Stiftung, deren Anliegen es ist, den Ärmsten ein menschwürdiges Leben zu ermöglichen, gibt es inzwischen außer in Chile in Bolivien und Peru. Unterstützt wird sie vom gemeinnützigen Verein Cristo Vive Europa e.V..
Der Begriff „schwere Zeiten“ steht in den
Ausführungen der Kinderärztin als Synonym für Gewalt, Schläge, Bedrohung,
Missbrauch, Verlust und seelische Vernachlässigung mit Erkaltung des
Gefühlslebens. Dr. Hinz erläuterte die Möglichkeiten der Rückkehr in ein
erfülltes Leben unter dem Stichwort „Resilienz“. Der aus dem Französischen
stammende Fachausdruck der Psychologie
meint die psychische Widerstandsfähigkeit, zu deren Erreichen sogenannte
„Goldene Fäden“ in der kindlichen Entwicklung notwendig sind. Sie entstehen
u.a. durch Bindungen an geliebte Menschen und prägen sich ins Stammhirn ein.
Erwachsene seien – so die Auffassung der Referentin – sehr schnell dabei,
Kindern „etwas aufzudrücken“, ihnen zu wenig Zeit zu schenken und, oftmals ohne
nach den Interessen des Kindes zu fragen, stets nur das Beste für seine Zukunft
zu wollen. Mit Blick auf Schule und Beruf werden mitunter so viele Förder- und
Bildungsangebote ausgeschöpft, dass kaum noch Gelegenheit zum Spielen bleibt,
z. B. mal in der Natur und im Matsch. Und wie oft am Tag hört ein Kind Befehle
aus Erwachsenenmund: „Los!“ „Mach das jetzt“, „Schnell!“ „Beeil dich!“, „Pass
auf!“
Als Gegenteil der Vernachlässigung führte Dr. Hinz den Fehler an, dem
Kind jeden Wunsch zu erfüllen, von den Augen abzulesen. Lernen muss es,
mitunter auf etwas zu verzichten oder zumindest zu warten. Mit Blick auf die
Generationen, die den 1. oder 2. Weltkrieg erlebt haben, besonders in der
Kindheit, nannte die Ärztin schwer traumatisierte Menschen, denen sich nach dem
überstandenen Grauen kaum jemand professionell zuwandte. Die Kinder bekamen
statt dessen zu hören: „Reiß dich zusammen!!, „Sei froh, dass Du am Leben
bist.“
Nicht einfach, aber unbedingt hilfreich dürfte es für Erwachsene sein,
für das eigene Leben professionelle Ratschläge der Ärztin in die Tat
umzusetzen. Dazu gehören für jedes Lebensalter: Sich mit dem Unglück
auseinandersetzen; nicht schweigen, verzeihen können, sich bewegen, Leid in
Kreativität verwandeln, anderen Glück bereiten, um selbst glücklich zu werden.
Über all dem – davon ist sie überzeugt – steht der tiefe Glaube, zu dem jeder
Mensch finden möge.
Dipl. Journalistin Christine Bose


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