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Sonntag, 4. Oktober 2015

Presseartikel der TLZ zum Eichsfeldforum " Das Gewissen"



Vom Gewissen lernen


Erstes Eichsfeldforum nach der Sommerpause mit Prof. Dr. Dr. Jörg Splett 



Heiligenstadt. Einen gesegneten und erkenntnisreichen Abend hatte Dario Pizzano als Moderator und Ansprechpartner des Eichsfeldforums am Donnerstag, 17. September 2015,  allen Anwesenden gewünscht. Nach der Sommerpause war im Saal kaum ein Stuhl unbesetzt geblieben. Die lebhafte Diskussion nach dem Vortrag zeigte, wie wichtig vielen Besuchern das Thema „Das Gewissen – Ort der Gotteserfahrung?“ ist. 

Fragen wurden gestellt, Zweifel angemeldet, Zustimmung, aber auch Ablehnung zum Ausdruck gebracht. Auch nach dem offiziellen Ende des Vortragsabends wandten sich viele Interessenten an den Referenten, der nicht zum ersten Mal an dieser Stelle begrüßt werden konnte und eingeladen wurde, erneut ins Eichsfeld zu kommen.  Prof. Dr. Dr. Jörg Splett, Prof. em. für Philosophie aus Frankfurt/Main, einer der bedeutendsten Religionsphilosophen der Gegenwart, hatte sich des anspruchsvollen Themas angenommen. 

„Wir haben es nötig, uns Gedanken darüber zu machen“, leitete er seinen fesselnden Vortrag ein. Er schlug einen Bogen vom antiken griechischen Philosophen Platon (428/427 v.Chr. - 348/347 v. Chr.) und dessen  Schüler Aristoteles (384 v.Chr.-322 v.Chr.) über den Kirchenlehrer Augustinus (354 n. Chr.- 430 n.Chr.) und den deutschen Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant (1724-1804)  bis zur Gegenwart. 

Die zwei Gewissensbegriffe des Mittelalters – unterschieden wurde da zwischen dem vertikalen und dem horizontalen Gewissen – erläutete der Wissenschaftler, hier in aller Kürze zusammengefasst: Das vertikale Gewissen gebiete dem Menschen: „Sei anständig“, wobei kein anständiger Mensch frage, warum er das solle. Dieses Gewissen unterscheide zwischen Gut und Böse. Beim horizontalen Gewissen, dem Wertegewissen, gehe es um die zu vermittelnde Erziehung, um die gesellschaftlichen Werte.

Prof. Splett zitierte den englischen Staatsmann Thomas Morus (1478-1535), der noch im Tower, auf seine Hinrichtung wartend, seinen Prinzipien treu geblieben war, seine Meinung nicht änderte, um damit sein Leben zu retten und seiner Familie mitteilte: „Ich kann mein Gewissen nicht auf den Rücken eines anderen Mannes binden.“ 

Das Gewissen sei, so Prof. Splett, „nicht nur ein Produkt der Evolution und der Sozialisierung.“ Bei dem abendfüllenden Thema wurde in der Diskussion der Begriff der Freiheit aufgegriffen und damit im Zusammenhang die Meinung von Politikern und Parlamentariern, ihrem Gewissen gegenüber verantwortlich zu sein. Hierzu der Philosoph, Psychologe und Theologe Jörg Splett: „Gott gibt uns die Freiheit. Die Freiheit  ist keine absolute Selbstbestimmung, sondern heißt, Ja oder Nein sagen zu können. Zur Freiheit gehören Grenzen.“ 

Er treffe so viele Christen, unterstrich er, die sich quälen, um vor Gott gut zu sein. Jedoch: „Gott liebt uns in jedem Moment, vor allen Leistungen, trotz aller Schuld.“ Zu anderen Menschen gut zu sein, was in der höchsten Form gütig bedeute; das Gewissen nicht nur als lästigen Mahner anzusehen, riet er den Zuhörenden und nannte verblüffend einfache Beispiele dafür, im Alltag gut zu sein: Dazu könne z. B. gehören, in einem Streit das letzte Wort „runterzuschlucken.“



Dipl. Journ. Christine Bose




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