Vom Gewissen lernen
Erstes Eichsfeldforum nach der Sommerpause mit Prof. Dr.
Dr. Jörg Splett
Heiligenstadt. Einen gesegneten und erkenntnisreichen
Abend hatte Dario Pizzano als Moderator und Ansprechpartner des Eichsfeldforums
am Donnerstag, 17. September 2015, allen
Anwesenden gewünscht. Nach der Sommerpause war im Saal kaum ein Stuhl unbesetzt
geblieben. Die lebhafte Diskussion nach dem Vortrag zeigte, wie wichtig vielen
Besuchern das Thema „Das Gewissen – Ort der Gotteserfahrung?“ ist.
Fragen
wurden gestellt, Zweifel angemeldet, Zustimmung, aber auch Ablehnung zum
Ausdruck gebracht. Auch nach dem offiziellen Ende des Vortragsabends wandten
sich viele Interessenten an den Referenten, der nicht zum ersten Mal an dieser
Stelle begrüßt werden konnte und eingeladen wurde, erneut ins Eichsfeld zu
kommen. Prof. Dr. Dr. Jörg Splett,
Prof. em. für Philosophie aus Frankfurt/Main, einer der bedeutendsten
Religionsphilosophen der Gegenwart, hatte sich des anspruchsvollen Themas
angenommen.
„Wir haben es nötig, uns Gedanken darüber zu machen“, leitete er
seinen fesselnden Vortrag ein. Er schlug einen Bogen vom antiken griechischen
Philosophen Platon (428/427 v.Chr. - 348/347 v. Chr.) und dessen Schüler Aristoteles (384 v.Chr.-322 v.Chr.)
über den Kirchenlehrer Augustinus (354 n. Chr.- 430 n.Chr.) und den deutschen
Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant (1724-1804) bis zur Gegenwart.
Die zwei Gewissensbegriffe
des Mittelalters – unterschieden wurde da zwischen dem vertikalen und dem
horizontalen Gewissen – erläutete der Wissenschaftler, hier in aller Kürze
zusammengefasst: Das vertikale Gewissen gebiete dem Menschen: „Sei anständig“,
wobei kein anständiger Mensch frage, warum er das solle. Dieses Gewissen
unterscheide zwischen Gut und Böse. Beim horizontalen Gewissen, dem
Wertegewissen, gehe es um die zu vermittelnde Erziehung, um die
gesellschaftlichen Werte.
Prof. Splett zitierte den englischen Staatsmann
Thomas Morus (1478-1535), der noch im Tower, auf seine Hinrichtung wartend,
seinen Prinzipien treu geblieben war, seine Meinung nicht änderte, um damit
sein Leben zu retten und seiner Familie mitteilte: „Ich kann mein Gewissen
nicht auf den Rücken eines anderen Mannes binden.“
Das Gewissen sei, so Prof.
Splett, „nicht nur ein Produkt der Evolution und der Sozialisierung.“ Bei dem
abendfüllenden Thema wurde in der Diskussion der Begriff der Freiheit
aufgegriffen und damit im Zusammenhang die Meinung von Politikern und
Parlamentariern, ihrem Gewissen gegenüber verantwortlich zu sein. Hierzu der
Philosoph, Psychologe und Theologe Jörg Splett: „Gott gibt uns die Freiheit.
Die Freiheit ist keine absolute
Selbstbestimmung, sondern heißt, Ja oder Nein sagen zu können. Zur Freiheit
gehören Grenzen.“
Er treffe so viele Christen, unterstrich er, die sich quälen,
um vor Gott gut zu sein. Jedoch: „Gott liebt uns in jedem Moment, vor allen
Leistungen, trotz aller Schuld.“ Zu anderen Menschen gut zu sein, was in der
höchsten Form gütig bedeute; das Gewissen nicht nur als lästigen Mahner
anzusehen, riet er den Zuhörenden und nannte verblüffend einfache Beispiele
dafür, im Alltag gut zu sein: Dazu könne z. B. gehören, in einem Streit das
letzte Wort „runterzuschlucken.“
Dipl. Journ. Christine
Bose
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