Podiumsdiskussion im letzten Eichsfeldforum des Jahres 2012
Heiligenstadt. Ehen werden geschieden. Nicht nur im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens, sondern auch dann, wenn die Kinder erwachsen sind. Längst nicht jedes ehewillige Paar entscheidet sich für den kirchlichen Segen seiner Verbindung. Partner bringen jeweils eigene Kinder in die neue Patchwork-Familie ein. Mütter oder Väter sind alleinerziehend. Unterschiedliche Formen des Zusammenlebens existieren nebeneinander. Und es sind in Deutschland kontroverse Diskussionen im Gange über familienpolitische Entscheidungen zu den Themen Kitas, Elterngeld, Ehegattensplitting. „Familie – ein Auslaufmodell?“ fragte am Donnerstag Moderator Dario Pizzano angesichts dieser nicht zu leugnenden Tatsachen beim letzten Eichsfeldforum des Jahres 2012 im Marcel-Callo-Haus.
Seine Podiumsgäste hatte er so ausgewählt, dass das Thema, wie er unterstrich, „aus theologischer, psychologischer und soziologischer Sicht“ beleuchtet und diskutiert werden konnte.
Als „sehr pessimistisch“ bezeichnete Prof. Dr. Josef Römelt, Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Mitglied des Redemptoristenordens, die Fragestellung. Der Familienbegriff habe sich im Laufe der Jahrhunderte immer im Wandel befunden. In vielen Köpfen existiere das Ideal der bürgerlichen Familie mit Mutter, Vater, Kindern in einem Haushalt. Als einen Beweis für die Wandlung nannte der Priester das der Vergangenheit angehörende Modell der bäuerlichen Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach. In einem solchen Familienverband wurde gemeinsam produziert, Verantwortung für die Ausbildung der Kinder und für die Versorgung der Alten getragen. Heute sei ein regelrechtes Familienmanagement nötig, um überhaupt noch Zeit füreinander zu haben. Doch biete Familie neben materieller Sicherung beispielsweise Geborgenheit. Aus seiner Sicht als Seelsorger seien Ehe und Familie als Lebensform heute riskant, aber wunderbar.
Dipl.-Psychologin Ingrid Rasch, die 37 Jahre lang in der katholischen Familienberatungsstelle Köln tätig war, weiß von der „ungeheuren Sehnsucht der Menschen nach dauerhaften Beziehungen“. Sie begrüßt die rechtliche Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder, wozu es Jahrzehnte gebraucht habe. Nach ihrer Meinung sei die Familie kein Auslaufmodell; ein Auslaufmodell sei hingegen die Auffassung, es gäbe nur eine einzige Familienform.
Ein Plädoyer für die Ehe hielt Jürgen Liminski, Journalist, Publizist, Buchautor aus Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Martine hat er zehn Kinder. Mit dem Hinweis „Wer heute heiratet, tut dies in der Regel, weil er den künftigen Ehepartner liebt“, leitete er zu der historischen Tatsache über, wonach die Liebesheirat nicht immer zur gesellschaftlichen Norm gehörte. Noch vor 200 Jahren wurden Ehen auch als Zweckgemeinschaften unter ökonomischen Gesichtspunkten geschlossen. Auf die Gegenwart bezogen unterstrich Jürgen Liminski: „Kann er oder sie mich glücklich machen?“ Diese Frage sollte von den Partnern nicht gestellt werden. Viel mehr stehe für das Zusammenleben in Ehe und Familie die Frage im Vordergrund: „Wie kann ich meinen Partner/meine Partnerin glücklich machen?“
Christine Bose
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