Eine Wahnsinnsgeschichte“ steht auf dem Schutzumschlag zu lesen. Und das ist wirklich so. Doch wie kann jemand, geboren 1974, ein Buch über sein Leben, nein sogar über seine zwei Leben schreiben? Ist das nicht erst dann sinnvoll, wenn ein Mensch schon auf etliche Lebensjahrzehnte blickt? Nein.
Das ist keine Rezension im klassischen Sinne. Dieses Buch zu rezensieren bedeutete für mich eine Ausnahmesituation und eine Herausforderung. Denn als ich den Autor kennen lernte, im Herbst 2009, war es geschrieben und angekündigt für das Frühjahr 2010. Es war also kein Erstlingswerk eines mir persönlich völlig Unbekannten. Ich saß einem Mann gegenüber, der im Dienst der katholischen Kirche steht und war zunächst der Meinung, da habe ein junger Mann den klassischen Weg eingeschlagen, der da lautet: Aufgewachsen im christlichen Elternhaus, noch während der Schulzeit die Entscheidung für eine kirchliche Laufbahn, Theologiestudium.
Dario Pizzano gab mir einen winzigen Einblick in das, was mich erwarten würde. Dann nahm ich dieses Buch zur Hand und wusste bereits auf den ersten Seiten: Darin kann niemand einfach nur mal so blättern. Da schreibt ein Mensch, der innerlich völlig zerrissen und ausgebrannt war, den Vorhof zur Hölle bereits zu seinem festen Wohnsitz bestimmt hatte. Er schreibt ehrlich, ohne Schuldzuweisungen für andere Menschen. Bereitwillig und schonungslos lässt er die Leser teilhaben an seinem Achterbahn-Leben, das er eineinhalb Jahrzehnte lang lebte mit einer selbstgewählten Maske vorm Gesicht. Sehr früh schon beginnt Dario an seiner Maske zu basteln, die er lange Jahre tragen wird; im gnadenlosen Alltag erschafft er sich eine Fantasiewelt. Als Rückzugsort, um das Leben zu ertragen. Irgendwie ist er auch stolz darauf und wird von Gleichaltrigen seiner großen Freiheit wegen beneidet. Doch mehr und mehr weicht der äußere Glanz einer bedrückenden inneren Leere. Dario, der erfolgreiche Musik- und Event-Manager, war der Strahlemann, der Macher, der ständige Gewinner, der Abenteurer und charmante Frauenverführer. Einer, der scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens seinen angestammten Platz hatte, immer gut drauf war, dessen Erfolge wohl nie enden würden. Mehr und mehr rutscht er ab, in die Welt der Drogen, des Alkohols, kämpft gegen Einsamkeit, Krankheit, Depressionen. Nichts wirkt aufgesetzt oder unglaubhaft. Alles ist so lebendig und persönlich beschrieben, nicht eine Zeile ist unrealistisch, hölzern, schulmeisterhaft oder hoch gelehrt. In einem alles verschlingenden Strudel ringt ein Mensch um innere Ruhe und es ist lange Zeit ein Kampf gegen Windmühlenflügel.
Es mag jetzt sehr pathetisch klingen, ist aber schlicht die Wahrheit. Ich habe mich festgelesen im druckfrischen Buch, hab’ sogar mal das große Heulen gekriegt – nicht aus Verzweiflung, sondern erleichtert über die Richtungsänderung in Darios Leben, obwohl sich meine persönlichen Bindungen zur Kirche in – vorsichtig ausgedrückt – äußerst engen Grenzen halten. Zum ersten Mal konnte ich mir zumindest das vorstellen, was als Damaskuserlebnis bezeichnet wird: das (biblische) Aha-Erlebnis, das zur Umkehr, zur Wende führt. Die Begegnung mit Gott. Die Bibel und heute das Internet wissen: Der Christenverfolger Saulus hatte auf dem Weg von Tarsus nach Damaskus eine prägende Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Das beeinflusste ihn so, dass er, heute noch in Form einer Redewendung existierend, sich vom Saulus zum (Apostel) Paulus wandelte. Im Buch, das in der Ich-Form geschrieben ist, gibt es Erinnerungen an jüngst Gewesenes, an Ereignisse in den Jahren 2005 bis 2009. Und es gibt Rückblenden, bis ins Jahr 1981. Sie alle gehen zu Herzen und unter die Haut. Zeigen, dass da ein verängstigtes Kind, auch noch im Erwachsenenalter, nur den einen großen Wunsch hat: geliebt, wahr- und angenommen zu werden.
Dario Pizzano begegnet Gott, als er wieder einmal ganz tief unten ist. Ich muss nicht wissen und auch nicht wissenschaftlich zu ergründen suchen, wie so etwas überhaupt „funktioniert“. Wichtig ist doch einzig und allein nur, dass „es“ passiert ist. Was mich mindestens ebenso berührt wie die Gottesbegegnung selbst ist jene, die unmittelbar danach stattfindet. Voller Sorge, jetzt könne gleich jemand zum Telefon greifen, damit der Durchgeknallte in einer geschlossenen Anstalt verwahrt wird, erlebt Dario das Gegenteil. Ihm wird geglaubt. Die beiden folgenden Sätze sind ebenso kurz wie unpathetisch und einprägsam: „Ich bin gerade Gott begegnet. Nach fast 30 Jahren in der Kälte.“ Immer wieder beeindruckend für mich sind Darios wirkliche, echte Freunde, die zu ihm halten.
Ich hätte den dringenden Wunsch verspürt, dem Autor gegenüber zu stehen, nicht etwa zu einem Pressegespräch, sondern den Menschen Dario kennen zu lernen, mit ihm zu reden „über Gott und die Welt“, würden wir uns noch nie getroffen haben. Hier meint es jemand ernst mit seinem religiösen Leben, steckt andere Menschen an mit seiner Fröhlichkeit und Herzlichkeit, gibt wohltuende Zuwendung ohne lästiges Missionieren-Wollen. Einer, zu dem ich mich, obwohl altersmäßig schon eine Generation weiter, jederzeit voll Vertrauen setzen und sagen kann: „Reden wir miteinander. Reden wir über Trauer und über Freude, über Schlechtes, über Gutes und Schönes in der Welt. Reden wir über das Leben. Und: Hören wir einander zu.“
Christine Bose
Dipl.-Journalistin
Dario Pizzano
eXzess Meine zwei Leben
271 S., Hardcover
ISBN 978-3-629-02242-4
Preis: 16.95 €
Pattloch Verlag München
Verlagsgruppe Droemer und Knaur München
www.pattloch.de
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